Chronik der Ortschaft Lütmarsen

Die Geschichte des Dorfes Lütmarsen

Die Eiszeiten

Vor Millionen Jahren bedeckte ein mehr als 100 Meter dicker Eismantel unsere Heimat. Vo Egge her, bis zum tiefen Wesergraben, schob sich das Eis als ein Gletscher ostwärts.

Der Druck  der gewichtigen Eismasse grub eine Furche in den Erdboden. In jedem Frühling, besonders in den wärmeren Zwischenzeiten, schmolz das Eis zu einem gewaltigen Schmelzwasserstrom, der die vom Gletscher ausgemahlene Rinne verbreiterte und vertiefte.

So entstand unser V – förmiges Heimattal. Im tiefsten Grunde des Gletschertals fließt heute der Bollerbach. Von Menschen in der Eiszeit gibt es bei uns keine Spuren.

Die Steinzeiten

Vor 100.000 Jahren klangen die Eiszeiten allmählich ab, unsere mäßige – warme Jetztzeit begann. Vom wärmeren Westen, woher einst der wilde Gletscherstrom brauste, wandert der erste Mensch in unser Tal. Er lebte als Jäger und Früchtesammler und wurde später Bauer. Er lernte es, aus Holz und Steinen Gehege, Ställe und Häuser zu bauen. Alle Waffen und Geräte der Siedler waren aus Stein. Solche Steingeräte der Urzeit fand man rings um Lütmarsen in Feld und Wald.

Die Bronzezeit

Ab 2000 Jahren vor Christi Geburt goss man geschmolzenes Kupfer in tönerne Formen, Streitäxte, Schwerter, Dolche, Messer, Pfeilspitzen für Krieg und Jagd, aber auch Kämme, Spangen, Armringe und Broschen zum Schmuck. Selbst das Bauerngerät Hacken, Rechen, Spaten, Sägen, Kochtöpfe! Ein gewaltiger Fortschritt.

Die Eisenzeit

Seit 600 Jahren vor Christi Geburt wurde das Eisen bei uns als Werkstoff verwendet. Es war noch härter als Bronze, ließ sich dauerhaft schärfen. Während man aus der Bronzezeit viele Funde in unseren Feldern  und Wäldern machte, sind solche aus der Eisenzeit sehr selten. Eisen verrostet völlig.

Zurzeit Christi waren unsere Ahnen Bauern. Die Urbewohner unserer Heimat waren Kelten, mit etwas bräunlicher Hautfarbe, braunen Augen, dunklem Haupthaar. Zu Beginn der Eisenzeit (600 vor Christi Geburt) eroberten Germanen unser Gebiet. Sie kamen aus Süd – Schweden. Es waren schmalwüchsige Leute mit weißer Hautfarbe, hellem Haar und blauen Augen. Sie besiegten die Kelten, die sich nunmehr auf der Hochebene ansiedelten, während bei uns die Germanen, die fruchtbaren Täler behielten.

Die germanischen Eroberer verehrten neben dem Allvater Wodan (Wode, Odin) besonders den Wettergott Thor (Donar) der Ihnen vor allem im Sommer mit seinem Hammer aus den Himmelsgewölben den regen losschlagen sollte. Ihm opferten sie zur Sonnenwendenzeit ein einjähriges, weißes Fohlen. Auf dem Heiligenberg, wo heute die St. Michaels Kapelle steht, war die heilige Opferstelle. Zurzeit Christi war Lütmarsen eine kleine Siedlung, deren Bewohner sich mit Stolz zum Stamme der Cherusker rechneten, deren Herzog Hermann (Armin) war.

11v. Chr. Geb. unterwarf Drusus, Stiefsohn des Kaisers Augustus, das gebiet zwischen Rhein und Elbe. Er kam vom Rhein über den Hellweg (heiligen Weg), der nahe bei Lütmarsen durch den Lehmweg ging. Nach dem Tode des Drusus wurde Varus römischer Feldherr und Landpfleger bei uns. Durch seine rücksichtslose Steuereinziehung (Vieh, Getreide) machte er sich unbeliebt. Die von ihm und seinen römischen Richtern verhängten Strafen steigerten den Hass, den Hermann der Cheruskerherzog, heimlich – aber erfolgreich schürte. Er tarnte sich bei den Römern als Römerfreund, ließ sich von den Sachsen zum Volksheld wählen und besiegte und vernichtete die drei römischen Legionen in der Hermannschlacht 9. n. Chr. Geb.

Im Teutoburger Walde. Der Sieg brachte unseren Ahnen die Freiheit vom Römerjoch.

375 n. Chr. Geb. begann die Völkerwanderung

772 n. Chr. Geb. begannen die rheinischen Franken den 32 – jährigen Krieg mit den Sachsen. Karl der große führte die Franken gegen die Sachsen, die Wittekind (Widukind), der Sachsenherzog befehligte. In einer Schlacht 775 am Fuße des Brunsberges kämpften auch Lütmarser Männer unter Wittekind gegen Karl den Franken, während sich Frauen, Kinder mit Vieh und Vorräten in die Brunsbg. Auf dem Gipfel des Brunsberges in Sicherheit gebracht hatten.

822 gründete Karls des Großen Sohn, Kaiser Ludwig der Fromme, die Abtei Corvey und schenkte ihr das Gebiet der „villa regia Hucxoris“ am 27.7.823 als dessen Westgrenze „ab occidente Luitmaressen“ erstmals in der Geschichte Corveys als westlicher Grenzort genannt, doch erst am 3.9.1151 in den Urkunden des Klosters Corvey wird wieder ein „Luitmaressen“ erwähnt. Aber ohne Datumsangabe steht in einem noch älteren Abgabenverzeichnis Corolys (9. Jahrhundert) „Luitmersen 12 moldra siliginis“ vermerkt.

25.2.1155 bestätigt Papst Hadrian IV dem Kloster Corvey unter Abt Wibald den Zehnten des Hofes Luitmarssen. Von der zeit ab treten in Corvey Akten die den Namen „Luithmarssen, Luitmaressen, Luitmarsen“ öfter auf. Aus allem ergibt sich, dass Corvey als Besitzer des Hofes L. den Verwaltern von L. dieses als Lehen gegen das Versprechen jährlicher Zehntsabgaben bestätigt.  Der „Zehnte“ betrug am 15.9.1215 zweimal sechs Viertel Weizen, je 15 Dutzend Eier zu Ostern, Pfingsten und Weihnacht. Auch ein Wachszins wird verlangt.

1253 wird die Verpflichtung erneuert zu einem „Hand- und Spanndienst“ des Lütmarser Hofes für Corvey. Die Namen der Lütmarser Gutslehnsherren werden oft nicht genannt.

Aber 1190 tritt ein Gerbert van Luithmarrsen auf mit zwei Brüdern, Ludwig und Karl

1251 wieder ein Gerbert van L.

1262 ist von einer Vogtei in der „Curie Luitmersen“ die Rede.

1350  Die Pest: Der schwarze Tod sucht unser Land heim. In vielen Dörfern gab es keinen Pfarrer mehr, die Sterbenden zu trösten, keinen Küster, der die Totenglocke schlug, keinen Totengräber, der die Toten begrub, so wie in Vahlhausen, einer kleinen Siedlung (wie heute Eilversen zwischen Ovenhausen und Vörden). Ähnlich erging es vielen Siedlungen im Wesergau. Ihre Namen tauchen noch als Flurbezeichnungen auf: Jerdessen (Jetzen) Denkhusen und Ibbenrode waren Nachbardörfer von Lütmarsen.

1360 war ein Johannes de Ringeldessen hier Corveys Vogt. Später wurde laut Corveyer Akten wohl ein Stück Land oder eine Wiese des Hofes L. verpfändet, doch wird das Gut ziemlich erhalten geblieben sein, denn am 30.11.1505 (Zwölf Jahre vor der Reformation, 1517) wird Heinrich von Stockhausen mit den Hofe L. belehnt. Späterhin scheinen die Erben „von Stockhausen“ bis zum Aussterben derselben mit dem Tode von Franz von Stockhausen (1624) die Vogtei dauernd verwaltet zu haben.

1618 – 1648 der dreißigjährige Krieg. Inzwischen war der furchtbare Krieg ausgebrochen, unter dem Lütmarsen entsetzlich zu leiden hatte.

1621 kam herzog Christian von Braunschweig mit seinen raubenden Söldnern über die Weserbrücke bei Höxter durch Lütmarsen. In einem Erpresserbrief an den Bischof von Paderborn hatte er zuvor geschrieben: „Wenn mir nicht 145.000 Taler sofort gezahlt werden, will ich das ganze Land abbrennen, alle Bauern niederhauen und niederschießen, dass darüber noch Kindeskinder klagen sollen.“ Die Bauern gaben alles her und hungerten bald. So ging es nun schon 27 furchtbare Jahre lang. Am schlimmsten war das Jahr 1634, in welchen die Stadt Höxter belagert, vom Bielenberge aus mit Kanonen beschossen, endlich erobert und zerstört wurde. Die Bauern flohen in die Bergwälder, wo sie wie das Vieh in Pferchen von niedergehauen Bäumen hausten.

1648 Als die Glocken, es gab nur noch wenige im Lande, den „Westfälischen Frieden“ verkündeten, war die Not nicht zu Ende. Die entlassenen Soldaten nun „arbeitslos“, zogen noch lange Jahre raubend und brennend durch das Land. Dazu kam noch die Wolfsplage. Noch 1675 wurden bei einer Treibjagd auf dem Bramberge in der Wüstung von Denkhausen 27 Wölfe erlegt. Eine Erinnerung daran ist im Flurnamen „Wolfsgrund“ zwischen Lütmarsen und Fürstenau erhalten.

1640 bekam ein Stiefeidam des Erbmarschall Heinrich von Stockhausen, ein Heinrich von Unger, das Gut Lütmarsen.

1654 aber wird ein neuer Lehensherr, Obrist Georg von Sybelstroff als Vogt von L. genannt, ehemals Offizier des Kaiserheeres.

1698 erwarb der Braunschweigsche Kammerrat und Oberamtmann zu Forst (Holzminden) Baron Johann von Mansberg das Lehensgut Lütm. für 22.000 Taler. Er wurde durch den Abt Florenz, wie wir wissen am 14.10.1698 damit belehnt und am 24.3.1699 nochmals darin bestätigt mit der Bedingung: „Keine öffentlichen, religiösen Übungen auf dem Hofe abzuhalten (von Mansberg war evangelischen Glaubens). Er durfte auch keine Evgl. Glaubensbrüder im Dorfe L. ansiedeln“ 235 Jahre.

1698 – 1934 besaßen von Mansbergs den Hof, der danach von der Siedlungsgesellschaft „Rote Erde in Münster i. W.“ gekauft und versiedelt wurde. In den letzten Jahren davor bewirtschaftete als Pächter Ludw. Büttner das Gut. In Wald und Flur erinnern noch Grenzsteine mit dem zeichen „v. M.“ an die von Mansbergschen Gutsherren. Mit der Familie v. M. war im Besitzverhältnis des Hofes L. Ruhe eingetreten – aber nicht für das Schicksal des Dorfes.

Das Klosterkapitel wählte am Sonntag, dem 3.10.1651 den Fürstbischof von Münster, Bernhard van Galen, zum Abt – Administrator der Fürst – Abtei Corvey. Dieser Herr hat für das Corveyer Land und Kloster viel Gutes getan. Aber der Fürstbischof war ein kriegerischer Herr, der in viele Feldzüge der unruhigen Jahre nach dem dreißigjährigen Kriege verwickelt war. Auch Lütmarsen musste darunter leiden: Truppendurchzüge, Einquartierungen, hohe Abgaben von Nahrungsmitteln für Reiter und Pferde, Kriegssteuern, Verwüstungen von Gärten und Häusern – dass gleich Lied wie im dreißigjährigem Kriege, Hunger und Seuchen folgten wieder. Die Kriegsscharen aller kämpfenden Parteien lösten sich hier ab.

29.12.1672 kamen die Brandenburger Reiter des Großen Kurfürsten.

1673 folgten ihnen die kaiserlichen Reiter. Noch im selben Jahre rückten die Franzosen unter dem gefürchteten Marschall Turenne mit 3000 Mann ins Corveyer Land. Um sie zu vertreiben, schickte der deutsche Kaiser den General von Spork (der aus einem Bauernhof des Delbrücker Landes stammte) hierher. Ein Höxteraner Bürger hatte 1672 die Brandenburger ins Corveyer Land gerufen, damit sie die Stadt Höxter von der „Tyrannei“ des Fürstabtes B.v.G. befreien sollten. Dieser Höxteraner hieß Johann Kelling. Er wurde nach Abzug der Brandenburger als Landesverräter vor Gericht gestellt, zum Tode verurteilt und beim Brenkhäuser Turm enthauptet. Wie groß die Not im Lande war, zeigt der Bericht, dass am Gründonnerstag 1674 von den 9000 Einwohnern des Corveyer Landes 2000 Landleute mit Brot gespeist wurden. Das Korn dafür hatte der Abt aus dem Münsterlande beschafft. Nach dem Tode B. von Galens 1678 trat Ruhe ein für unser Land – für rund 70 Jahre. Fürstabt B. von Galen verordnete die Schulpflicht für das Corveyer Gebiet.

1756 begann der siebenjährige Krieg des alten Fritz – „Friedrich II König von Preußen“, gegen die Kaiserin Maria Theresia und das deutsche Reich. Für das Corveyer Land begann wieder die Kriegsnot: Teurung und Wucher gediehen, darum der Hungertyphus. Daran starben im Pfarrbezirk 1760 Ovenhausen (wozu Lütmarsen zählte) 47 Leute, 1761 waren es 69 Typhustote. Es wurde wieder Eichelbrot gebacken, nach dessen Genuss viele Menschen starben.  Als Beispiel für das Leben unserer Vorfahren in dieser Zeit: Eine Juliwoche des Unheilsjahres.

1761 Sonntag und Montag: preußische Einquartierung: Engländer, Hannoveraner, Preußen. Die Häuser und Scheunen voll von Soldaten, in den Gärten und ortsnahen Kämpen die Pferde. Wege, Höfe voller Bagagewagen und Kanonen. Die Soldaten fordern das letzte Korn der Bauern, die Pferde fressen das Gemüse der Gärten und das Laub der Obstbäume. Die Soldaten mähen das unreife Korn in den Feldern für ihre Pferde. Sie zerstören die Weide- und Gartenzäune und verheizen sie. Sie brechen die Dächer der Häuser ab, verbrennen das Gebälk, ebenso Möbel, Fenster und Tieren. Es werden Männer angemustert für den Waffendienst, für Wegeausbesserung und zur Schanzarbeit. Am Dienstag ziehen die Preußen ab. Die Bauern können den angerichteten Schaden schätzen. Am Mittwoch treffen die Quartiermeister der Franzosen ein. Am Donnerstag ist das Dorf von Franzosen besetzt. Die gleichen Erpressungen geschehen  wieder, nur unter einer anderen Fahne. Den Bauern bleibt Angst, Sorge und Hungersnot.

1762 das Hin- und Herziehen der Feinde dauerte an. Gefechte und Schlachten gab es nicht bei uns, Siege und Lorbeeren auch nicht, aber Armut, Seuchen, Hungersnot und Hungerstod, bis endlich der Frieden von

1763 Hubertusburg dem Kriege ein Ende machte. Das Elend dauerte noch lange nach. – Die Corveyer Mönche liehen das Saatkorn. Die in die ferne abgewanderten Arbeiter kehrten heim.

1807 Nach den Siegen Napoleons I. über Preußen kam Lütmarsen zum „Königreich Westfalen“  und dadurch mit dem König Jerome (König Lustig), Bruder des Kaisers  Napoleons I. unter französische Oberhoheit, bis es preußisch wurde,

1815 zur Provinz Westfalen und bis zum heutigen Tag westfälisch blieb.

1803 Wie das Kloster Corvey wurde auch das Minoritenkloster mit „St. Marien“ Höxter aufgelöst und das Gebäude 1812 verkauft. Den Hochaltar erwarb der Kaufmann Klingemann aus Höxter und schenkte ihn der katholischen Kirchengemeinde Lütmarsen für ihre Kapelle. So kam das große triumphkreuz hierher, welches noch heute über dem Altare auch die neue Kirche ziert.

Verfasser: Lehrer Anton Finke Quelle: Festschrift zur Weihe der Marienkirche in Lütmarsen am 06. Oktober 1968